Daten­ana­ly­se der Win­ne­tou-Debat­te

Der erfun­de­ne Shit­s­torm: Chro­no­lo­gie eines Medi­en­ver­sa­gens

Seit der Ravens­bur­ger Ver­lag am 19. August 2022 ein Begleit­buch zu dem Film „Der jun­ge Häupt­ling Win­ne­tou“ zurück­ge­zo­gen hat, tobt in den Medi­en eine Dis­kus­si­on über Zwang, Zen­sur, Gedan­ken­kon­trol­le, Can­cel Cul­tu­re, Sprech­ver­bo­te, Bücher­ver­bren­nung, Woke-Wahn­sinn, lin­ke Akti­vis­ten­grup­pen und eine angeb­li­che Bedro­hung der Demo­kra­tie. Nach nur einer Woche gibt es weit mehr als 100.000 Bei­trä­ge (zum 02.09.22: 150.000), die ins­ge­samt mil­lio­nen­fach gelik­ed, geteilt und kom­men­tiert wur­den – unter ihnen 8.600 redak­tio­nel­le Arti­kel und davon 3.200 von Tages­zei­tun­gen und Nach­rich­ten-Maga­zi­nen. Der Tenor: Hef­tig lau­te, aber unlau­te­re Kri­tik durch “woke Grup­pen” in den sozia­len Medi­en hät­te den Ver­lag in einem Shit­s­torm so sehr unter Druck gesetzt, dass er letzt­lich gar nicht anders konn­te (oder das zumin­dest dach­te), als sich einer „radi­ka­len Min­der­heit zu unter­wer­fen“. Die auf­ge­brach­te Men­ge sieht eine „Tyran­nei der Polic­ti­cal Cor­rect­ness“ und wehrt sich hef­tig gegen jede Form von Ver­bot. 

Daten­ana­ly­sen zei­gen jedoch: die­sen Shit­s­torm über das Buch oder den Film gab es nie, eben­so wenig wie For­de­run­gen nach Ver­bo­ten. Bei­de sind viel­mehr eine Erfin­dung fin­di­ger Jour­na­lis­ten und Popu­lis­ten, die ent­we­der medi­en­in­kom­pe­tent sind oder aus poli­ti­schem Inter­es­se bzw. aus wirt­schaft­li­chem Kal­kül het­zen. Und vie­le ande­re Jour­na­lis­ten, Poli­ti­ker, CEOs und Bür­ger sind dar­auf her­ein­ge­fal­len und haben sich instru­men­ta­li­sie­ren las­sen. Nach eige­nen Aus­sa­gen hat der Ravens­bur­ger Ver­lag die Kri­tik ihrer Com­mu­ni­ty ernst genom­men, einen Feh­ler ein­ge­se­hen und dar­auf­hin eine unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung getrof­fen. Nur passt das wohl nicht in das Welt­bild (und das Geschäfts­mo­dell) eini­ger Ver­la­ge. Also erfan­den sie den “woken Shit­s­torm”, ver­brei­te­ten hau­fen­wei­se Ver­zer­run­gen und insze­nier­ten erst damit die Auf­re­gung, die wir jetzt erle­ben: einen “antiwoken Shit­s­torm”, der sei­nes­glei­chen sucht. Und sie ver­hin­der­ten dabei noch ganz neben­bei, dass wir uns inhalt­lich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, ob ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe auch dann pro­blem­be­haf­tet sind, wenn sie ver­meint­lich posi­tiv oder gut gemeint sind, und wie wir mit denen umge­hen. Unser Medi­en­sys­tem ist kaputt. 

Eine Debat­te, die einer auf­ge­klär­ten Demo­kra­tie unwür­dig ist

Nach Aus­wer­tung der Daten aus dem Inter­net mit dem markt­füh­ren­den Ana­ly­se-Tool Talk­wal­ker zeigt sich, dass die aktu­el­le Dis­kus­si­on um Win­ne­tou eine per­fek­te Schein­de­bat­te ist, die aber ech­te Wirk­lich­keit kre­iert. Die Hys­te­rie über die angeb­li­che Dik­ta­tur poli­tisch über­kor­rek­ter Min­der­hei­ten und eine angeb­li­che Bedro­hung der Demo­kra­tie im Zusam­men­hang mit Win­ne­tou erweist sich als sub­stanz­los: Aus den Daten lässt sich kei­ner­lei signi­fi­kan­ter und ille­gi­ti­mer öffent­li­cher Druck durch irgend­wel­che Akti­vis­ten auf Ravens­bur­ger bele­gen. 

Was jedoch erkenn­bar ist: Es gab es tat­säch­lich Kri­tik. Nicht an Win­ne­tou an sich, son­dern an dem neu­en Film. Aller­dings nicht von omi­nö­sen “woken Lin­ken”, son­dern von renom­mier­ten Jour­na­lis­ten, von der Film­för­de­rung, von Indi­ge­nen, von Kino­be­su­chern, von Wis­sen­schaft­lern und von Ravens­bur­ger-Kun­den. Und was wei­ter­hin erkenn­bar ist: Vor allem die BILD fährt eine kaum fass­ba­re Ver­zer­rungs­kam­pa­gne und ver­dient dabei unfass­bar viel Geld. 

Was die Daten für Rück­schlüs­se nahe­le­gen: 

Anlass für den Shit­s­torm war nicht irgend­ei­ne mas­si­ve, lau­te Kri­tik an Ravens­bur­ger oder dem Win­ne­tou-Film durch “Agi­ta­to­ren” (BILD), son­dern ein­zig und allein die völ­lig bei­läu­fi­ge Ankün­di­gung von Ravens­bur­ger, das Buch nicht auf den Markt zu brin­gen. Nach eige­nen Wor­ten tat der Ver­lag dies aber nicht, weil sie ein-geknickt waren, son­dern weil sie ein-gese­hen haben, dass sie einen Feh­ler gemacht hat­ten. Und das war nur ein Kom­men­tar zu einem Insta­gram-Post. Wie hät­ten sie auch ahnen kön­nen, was dann pas­siert. 

Aus­lö­ser für den eigent­li­chen Shit­s­torm war die Ver­dre­hung der Tat­sa­chen in den Medi­en, wobei man wohl sagen muss: durch die BILD. Sie glaub­ten Ravens­bur­ger nicht, wit­ter­ten auch Inter­es­se bei ihrem Publi­kum und unter­stell­ten, sie wären eben ein­ge­knickt, hät­ten sich “selbst zen­siert” und wür­den sich “radi­ka­len Min­der­hei­ten” unter­wer­fen. Unter­stützt haben das bereit­wil­lig vie­le Poli­ti­ker, stell­ver­tre­tend für sie Mar­kus Söder, der völ­lig unin­for­miert (und fak­tisch falsch) kri­ti­siert, dass man sich “der lau­ten Mei­nung weni­ger beu­gen soll­te” und auch “die ARD des­we­gen kei­nes­falls Win­ne­tou ver­ban­nen dürf­te”.  Dabei gab es weder “lau­te Mei­nun­gen” noch hat irgend­je­mand, schon gar nicht die ARD, irgend­wann vor­ge­habt wegen die­ser Mei­nun­gen “Win­ne­tou” zu ver­ban­nen. Söder hat sich hier schlicht­weg von der BILD für ihre Woke-Het­ze und ihr Geschäfts­mo­dell instru­men­ta­li­sie­ren las­sen. Die Lüge bestand vor allem dar­in, zu sug­ge­rie­ren, dass “Win­ne­tou ver­bo­ten” wer­den soll­te. Nie­mals, nicht mal im Ansatz ging es um “Win­ne­tou”, auch nicht um die Bücher von Karl May, erst recht nicht um die Fil­me aus den 60er Jah­ren, nicht ein­mal der aktu­el­le, neue Kin­der­film. Gegen­stand der Dis­kus­si­on ist hier aus­schließ­lich ein Mer­chan­di­sing Pro­dukt zu dem neu­en Film, das selbst kei­ner­lei eigen­stän­di­gen lite­ra­ri­schen Wert hat. Der Bevöl­ke­rung wur­de – auch von Söder – weis gemacht, man wol­le ihr “Win­ne­tou” inge­samt weg­ne­he­men, was ein haar­sträu­ben­der Unfug ist. 

Ver­stär­ker waren einer­seits wei­te­re Jour­na­lis­ten, die das Nar­ra­tiv des “Öffent­li­chen Drucks aus dem Inter­net” ein­fach von ande­ren abge­schrie­ben und nach­weis­ba­re Lügen und Ver­zer­run­gen der BILD ein­fach über­nom­men haben, sowie viel­fa­che Kom­men­ta­re von Pro­mi­nen­ten, Poli­ti­kern und selbst CEOs, wel­che das Nar­ra­tiv von Sprech­ver­bo­ten, Zen­sur und Bücher­ver­bren­nung ein­fach ohne wei­te­re Prü­fung über­nom­men oder gar wei­ter­ge­spon­nen haben. Auch die baden-würt­tem­ber­gi­sche Kul­tus­mi­nis­te­rin The­re­sa Schop­per fabu­liert etwas davon, dass man dann ja alle Kin­der­bü­cher, auch zum Bei­spiel den Struw­wel­pe­ter, “ver­bie­ten müss­te” – und über­sieht dabei erneut, dass ers­tens nie­mals irgend­je­mand etwas “ver­bie­ten” woll­te, und dass es nie­mals um frü­he­re Wer­ke ging. Die Pos­se gip­fel­te dar­in, dass ab dem 26. August auch noch die bereits zwei Jah­re zurück­lie­gen­de Ent­schei­dung der ARD, die Win­ne­tou-Fil­me nicht wei­ter zu lizen­sie­ren, in aktu­el­len Zusam­men­hang mit die­sem The­ma gebracht wur­de, und die BILD mut­maßt, das lie­ge dar­an, weil man jetzt nicht mehr “India­ner” sagen dür­fe. Kron­zeu­gin der BILD war eine “ver­ant­wort­li­che Redak­teu­rin des RBB”, die sich dann als die ver­ant­wort­li­che Redak­teu­rin für das Sand­männ­chen ent­pupp­te. Abge­se­hen davon, dass die Win­ne­tou-Fil­me bei ZDF wei­ter voll ver­füg­bar sind. 

Ursa­che ist die Über­for­de­rung und (man muss es wohl sagen:) die media­le Inkom­pe­tenz von Jour­na­lis­ten und Mei­nungs­füh­rern. Hät­ten die Jour­na­lis­ten auch jour­na­lis­ti­sche Stan­dards ein­ge­hal­ten, wäre das nicht pas­siert. Das ist mut­maß­lich aber nicht (nur) ein indi­vi­du­el­les, son­dern ein sys­te­mi­sches Pro­blem: Ver­la­ge wür­den sich um ihren wirt­schaft­li­chen Erfolg brin­gen, wenn sie nicht auf die­se Erre­gungs­wel­len auf­sprin­gen. Und sozia­le Medi­en beloh­nen eben nur Nach­rich­ten, die Erre­gung trig­gern. Am bes­ten Hass und Het­ze. Egal, wie dumm oder fak­tisch das ist. Dazu kommt, dass vie­le Medi­en unter so wirt­schaft­li­chem Druck und gleich­zei­tig so sehr unter Nach­rich­ten­stress sind, dass kaum ein Redak­teur mehr die Zeit bekommt, auch nur ansatz­wei­se ver­ant­wort­lich zu recher­chie­ren. Und Poli­ti­ker “plap­pern” wirk­lich völ­lig unge­prüft und unre­flek­tiert Din­ge nach, die sie irgend­wo gele­sen haben, ohne deren Wahr­heits­ge­halt zu über­prü­fen – zumin­dest wenn die ver­meint­li­che Bot­schaft in ihre Agen­da passt. 

Opfer ist mög­li­cher­wei­se unse­re Demo­kra­tie. Die lebt davon, dass wir als “als Volk”, von dem in einer Demo­kra­tie ja alle Macht aus­geht, ange­mes­se­ne Mei­nun­gen bil­den kön­nen, um dann klu­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Für die­sen Pro­zess spie­len die Medi­en (inklu­si­ve der sozia­len Medi­en) eine wich­ti­ge Rol­le. Nur lei­der tref­fen wir Ent­schei­dun­gen auf Basis von Infor­ma­tio­nen, die poli­ti­sche Popu­lis­ten oder skru­pel­lo­se Redak­tio­nen lan­cie­ren, wel­che die kran­ke Mecha­nik der Sozia­len Medi­en gna­den­los aus­nut­zen. Die Mecha­nik lässt sich lei­der auch bei vie­len ande­ren The­men erken­nen: Gen­dern, Ley­la, Can­cel Cul­tu­re, aktu­ell gibt es vie­le The­men, die nach dem genau glei­chen Mus­ter ver­gif­tet wer­den. Vor­bild für die BILD ist ganz offen­sicht­lich FOX-News in den USA, wo die­se Mecha­nik und vor allem FOX den Erfolg von Donald Trump erst mög­lich gemacht hat. 

Leid­tra­gen­de ist die Sache. Denn anstatt dass wir uns inhalt­lich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt hät­te, wie wir mit gut- oder nicht-so-gemein­tem Ras­sis­mus umge­hen, hat die Hys­te­rie fast jeg­li­che inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung ver­hin­dert und die Gesell­schaft wei­ter pola­ri­siert. Statt­des­sen haben sich alle nur über etwas auf­ge­regt, was es gar nicht gibt. Und alle waren damit beschäf­tigt, qua­si prä­ven­tiv zu beto­nen, dass sie ja nun ganz bestimmt kei­ne Ras­sis­ten sei­en. Obwohl das nie­mand gesagt hat. 

Pro­fi­teu­rin ist hof­fent­lich unse­re Demo­kra­tie. Näm­lich dann, wenn wir dar­aus ler­nen. Ich bin mir noch nicht sicher aber hoff­nungs­stark.

Dis­clai­mer: War­um steht die­ser Text auf der Sei­te von Scom­pler? 
Wir sind ein stra­te­gi­sches Bera­tungs­un­ter­neh­men für Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir haben lan­ge auch Unter­neh­men in Sachen Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on bera­ten, vor allem im Social Web, unter ande­rem die Deut­sche Bahn ab dem Jahr 2010. Aus die­sem Pro­jekt ist Scom­pler ent­stan­den. Scom­pler ist ein “Con­tent Com­mand Cen­ter” ein stra­te­gi­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Manage­ment-Sys­tem, das unter ande­rem in News­rooms ein­ge­setzt. Es beinhal­tet auch Medi­en­be­ob­ach­tung. Und wir beschäf­ti­gen uns stark mit dem Medi­en­wan­del und was das für die Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on bedeu­tet. In die­sem Zusam­men­hang sind sol­che Vor­komm­nis­se für uns und unse­re Kun­den rele­vant. Wir haben das The­ma unter­sucht, fan­den es sehr inter­es­sant und woll­ten unse­re Erkennt­nis­se der Öffent­lich­keit zur Ver­fü­gung stel­len. 

Wor­um es eigent­lich geht

Bei der gan­zen Hys­te­rie ist es wich­tig, noch mal zu sagen, wor­um es eigent­lich geht: Näm­lich um einen neu­en Film, der im August 2022 in die Kinos gekom­men ist: Der jun­ge Häupt­ling Win­ne­tou”. Das ist ein Kin­der­film, der außer den Namen nichts mit den Karl-May-Fil­men und Büchern zu tun hat, die die Hel­den unse­rer Jugend waren. Gar nichts. Aller­dings wer­den die Bücher und die Fil­me von Karl-May schon seit Jahr­zehn­ten als ten­den­zi­ell ras­sis­tisch kri­ti­siert. Hier geht es um “gut gemein­ten” Ras­sis­mus, also dass die Karl-May­schen India­ner alle gut und edel sind, aber dass die­se Bild nichts mit der Wirk­lich­keit der Indi­ge­nen zu tun hat. Die alten Karl-May-Wer­ke wür­den nicht genug berück­sich­ti­gen, dass die “Cow­boys” (unter ihnen auch Old Shat­ter­hand) nicht die “Hel­den des Wes­tens” waren, son­dern Kolo­nia­lis­ten, die einen Geno­zid an der ame­ri­ka­ni­schen Urbe­völ­ke­rung ver­üb­ten: Sechs Mil­lio­nen tote Indi­ge­ne, so vie­le wie tote Juden im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Karl May habe statt­des­sen unser Bild von India­nern ent­schei­dend geprägt, in dem sich Fik­ti­on und Wirk­lich­keit ver­mi­schen. 

Die­se Dis­kus­si­on wur­de bereits breit geführt, und ist an sich nicht pro­ble­ma­tisch. Man hat auch immer gesagt, dass man Karl May natür­lich auch im his­to­ri­schen Kon­text sehen muss, und nie­mand hat jemals gefor­dert, die Bücher zu ver­bie­ten. Aktu­ell ist die Dis­kus­si­on wie­der nach oben gespült wor­den, weil auch der neue Film die alten Ste­reo­ty­pe völ­lig unkri­tisch wie­der auf­nimmt, wie vor 100 Jah­ren, aber auch wie in den 60er Jah­ren. Es gibt vie­le Stim­men, die gefragt hat­ten, ob man den neu­en Film nicht als Gele­gen­heit hät­te sehen kön­nen, die­ses The­ma etwas dif­fe­ren­zier­ter zu betrach­ten, und auch Kin­dern mehr Wis­sen über die Hin­ter­grün­de zu ver­mit­teln. 

Die Chro­no­lo­gie

Um noch ein­mal die Chro­no­lo­gie deut­lich zu machen. 

01. August 2022: Ers­te Pre­views zum neu­en Kino­film “Der jun­ge Häupt­ling Win­ne­tou” wer­den gezeigt
10. August 2022: Die Pro­mo­ti­on zum Kino­start beginnt (aller­dings ohne jeg­li­che Reso­nanz)
11. August 2022: Ravens­bur­ger kün­digt ein Begleit­buch zum Film auf Insta­gram an
19. August 2022: Ravens­bur­ger kün­digt im sel­ben Post an, dass sie das Buch doch nicht ver­öf­fent­li­chen
21. August 2022: Medi­en (vor allem die BILD) grei­fen die Mel­dung von Ravens­bur­ger auf
26. August 2022: Medi­en (vor allem die BILD) legen mit der Mel­dung über die ARD nach. 

Der 19. August ist ein ent­schei­den­des Datum. Da hat Ravens­bur­ger die Ent­schei­dung auf Insta­gram ver­kün­det, das Buch nicht zu ver­öf­fent­li­chen. Der angeb­li­che Druck, vor dem Ravens­bur­ger ein­ge­knickt ist, muss also zwin­gend irgend­wann vor­her statt­ge­fun­den haben!

Der Gesamt­ver­lauf der Dis­kus­si­on über “Win­ne­tou”

Die Daten­ana­ly­se zeigt, dass es vom 01. Mai 2022 bis zum 27. August 2022 knapp 100.000 Bei­trä­ge im Inter­net gab, Ten­denz wei­ter wach­send). Das betrifft alle Medi­en, sowohl Social Media als auch Nach­rich­ten-Por­ta­le und Zei­tun­gen. Auf­fäl­lig ist, dass es vor dem 19. August, also dem Datum, als Ravens­bur­ger mit­teil­te, dass sie das Buch zurück­zie­hen, kaum Akti­vi­tä­ten zu Win­ne­tou gab. 

Ab dem 22. August sind dann die Zah­len zu den Akti­vi­tä­ten qua­si explo­diert. Also nach­dem die Medi­en das The­ma ver­fälscht und behaup­tet haben, Ravens­bur­ger sei unter dem Druck von radi­ka­len Min­der­hei­ten ein­ge­knickt. 

Am 25. August flacht dann die Kur­ve zunächst ab, bevor sie am 26. August, nach der ARD-Mel­dung, wie­der nach oben schießt. 

Was vor dem Sün­den­fall geschah

Die Ana­ly­se der Daten vor dem 19. August, also der Mit­tei­lung von Ravens­bur­ger, gab es nur gerin­ge Akti­vi­tä­ten zum Stich­wort „Win­ne­tou“. Das waren aber über­wie­gend all­ge­mei­ne Bei­trä­ge zu Win­ne­tou, meis­tens völ­lig ohne Bezug zu dem neu­en Film oder Ras­sis­mus oder Ähn­li­che. Von „Shit­s­torm“ gibt es hier also über­haupt kei­ne Spur. 

Die Gra­fik ist bewusst deut­lich fla­cher gehal­ten, um die Ver­hält­nis­se wenigs­tens eini­ger­ma­ßen in Rela­ti­on zu set­zen. Tat­säch­lich müss­te die obe­re Gra­fik noch viel höher sein: Die Wer­te oben rei­chen von 0 bis 21.000, die unte­ren von 0 bis 260. Die Höhe der unte­ren Gra­fik durf­te eigent­lich nur 1/10 so hoch sein. Was man hier in der unte­ren Gra­fik qua­si als Ver­grö­ße­rung sieht, ist in der obi­gen Gra­fik ganz genau so als win­zi­ger Aus­schlag zu erken­nen. 

Und was davon bezog sich auf Ravens­bur­ger?

Span­nend wird es, wenn man sich jetzt anschaut, wie vie­le die­ser Ver­öf­fent­li­chun­gen tat­säch­lich den neu­en Film, „Der jun­ge Häupt­ling Win­ne­tou“ betref­fen. Hier zeigt sich vor dem 19. August nur eine ver­stärk­te Akti­vi­tät vom 08. bis 10. August mit 150 bis 200 Pos­tings pro Tag. Ansons­ten ruh­te der Sil­ber­see abge­se­hen von ein paar kleins­ten Wel­len abso­lut still.

Auch hier geben die Daten genau­en Auf­schluss: Das sind fast alles Mel­dun­gen, in denen der Start des neu­en Films ange­kün­digt wird. Der offi­zi­el­le Start des Films war am 11. August, und die Kam­pa­gne des Ver­leihs zum Kino­start begann am Anfang August. Vor­her gab es schon eini­ge Hin­wei­se auf diver­se Pre­views in den Kinos. Was hier aber auch deut­lich wird: Offen­sicht­lich hat nie­man­den der Start des Films inter­es­siert! Die 150 bis 200 Pos­tings sind sogar über­wie­gend Pres­se­mit­tei­lung in regio­na­len Online-Medi­en.

Unter den rund 400 Bei­trä­gen, die dem Rück­zug durch Ravens­bur­ger unmit­tel­bar vor­aus­ge­hen, gab es auch ver­ein­zel­te Kri­tik. Aber man kann ganz klar sagen: Ein irgend­wie gear­tet star­ker Druck ist defi­ni­tiv und ein­deu­tig nicht erkenn­bar. 

Und genau auf die­se Ergeb­nis deu­tet auch die Ana­ly­se des Hash­tags “Win­ne­tou” bei Twit­ter. Hier muss man wohl sagen, dass die Bezeich­nung “anti­wo­ker Shit­s­torm” wohl rich­tig ist. Es waren also kei­ne “woken Akti­vis­ten”, son­dern eben “anti-woke…” ja was auch immer. 

Und schließ­lich erkennt man genau das glei­che Mus­ter auch in den Such­an­fra­gen von Goog­le. Hier das Chart von Goog­le Trends. Es gibt wie­der, wie stark die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land nach dem Begriff “Win­ne­tou” gesucht hat. Im Rah­men die­ser Debat­te haben Men­schen also nach wei­te­ren Infor­ma­tio­nen gesucht. 

Um das mal ein­zu­ord­nen: Das Inter­es­se an “Win­ne­tou” (blaue Linie) war deut­lich grö­ßer als das Inter­es­se an “Strom­preis” (gel­be Linie) und “Infla­ti­on” (grü­ne Linie). Es erreicht sogar bald das Inter­es­se an “Ben­zin­preis” (rote Linie) im März 2022, als der Preis für Die­sel inner­halb weni­ger Tage von 1,65 EUR auf mehr als 2,30 EUR sprang!  

Absah­nen tut vor allem der Sprin­ger-Ver­lag

Die Daten­ana­ly­se zeigt, dass das The­ma mas­siv von “klas­si­schen” Medi­en getrie­ben wird, also von Tages­zei­tun­gen, News-Por­ta­le, Nach­rich­ten­agen­tu­ren und Online-Medi­en, in denen aus­ge­bil­de­te Jour­na­lis­ten sit­zen. 

Die Ana­ly­se zeigt wei­ter­hin, dass fast aus­schließ­lich der Sprin­ger-Ver­lag Pro­fi­teur der Het­ze ist und haupt­säch­lich wei­ter ver­brei­tet wird. Hier die Top 8 der Bei­trä­ge nach “Enga­ge­ment”, also wie vie­le Men­schen auf die Arti­kel reagiert haben. Nur der Focus konn­te da noch mit­hal­ten, indem sie auf die Ente mit der “Zen­sur” durch die ARD mit auf­ge­sprun­gen sind. 

Wel­ches Kal­kül dahin­ter­steht, illus­triert ein Satz von dem ehe­ma­li­gen Chef­re­dak­teur der BILD, Juli­an Rei­chelt: “Nichts hat uns ganz nach­weis­lich wirt­schaft­lich in der Reich­wei­te so sehr gescha­det wie unse­re kla­re, mensch­li­che, empa­thi­sche Hal­tung in der Flücht­lings­kri­se”, sag­te er bei der Kon­fe­renz “For­ma­te des Poli­ti­schen” in Ber­lin (Quel­le). Nach die­ser Erkennt­nis hat­te die BILD ihre Hal­tung geän­dert, wie­der stark gegen Flücht­lin­ge gehetzt, und so wie­der wirt­schaft­lich pro­fi­tiert. 

Sehr viel sach­li­che, ernst zu neh­men­de Kri­tik

Das Kern­pro­blem ist, dass sich sehr schnell ein Nar­ra­tiv durch­ge­setzt hat, dass Ravens­bur­ger das Buch nur zurück­ge­zo­gen hat, weil sie durch einen “Shit­s­torm” unter Druck gesetzt wur­den, weil es Kri­tik nur von “woken Grup­pie­rung” gab, weil die Kri­tik “beson­ders laut” war und ähn­li­ches. 

Die­ses Nar­ra­tiv ver­sucht, die Kri­tik an dem Film zu dele­gi­ti­mie­ren. Klar, wenn die Kri­tik nicht legi­tim war, war die Ent­schei­dung natür­lich falsch und ist nicht nach­voll­zieh­bar. Die Daten zei­gen ganz ein­deu­tig und ohne jeden Zwei­fel, dass es defi­ni­tiv kei­nen “Shit­s­torm” gab, auch kein “lau­tes Geschrei von einer Min­der­heit lin­ker Agi­ta­to­ren” oder irgend­et­was in die­ser Art. Ja, es gab Kri­tik, die war aber durch­aus lei­se, und vor allem: Sach­lich. 

Aber die Daten zei­gen auch: Es gab nach der Ent­schei­dung von Ravens­bur­ger, die sach­lich abso­lut begründ­bar ist, ein Geschrei, das in der Geschich­te der Shit­s­torms ihres­glei­chen sucht. Und das ist der Grund, war­um der Fall “einer Demo­kra­tie unwürdig“ist, wie wir oben schrie­ben. Hier wird sach­li­che Kri­tik abso­lut nie­der­ge­schrien und durch Lügen dele­gi­ti­miert. 

Hier nur ein klei­ner Aus­schnitt der sach­li­chen Kri­tik: 

 Im MDR Pod­cast wird etwa Ende Juni gefragt, ob Karl-May-Spie­le noch zeit­ge­mäß sind.

• In einem Inter­view im Stern spricht sich Kend­all Old Elk, einem der weni­gen Nati­ve Ame­ri­cans in Deutsch­land, klar gegen die Nar­ra­ti­ve rund um Karl May aus. 

• Car­men Kwas­ny, die Vor­sit­zen­de der „Nati­ve Ame­ri­can Asso­cia­ti­on of Ger­ma­ny“, kri­ti­siert im Inter­view mit Deutsch­land­funk Kul­tur, dass „Der jun­ge Häupt­ling Win­ne­tou“ zahl­rei­che Kli­schees trans­por­tie­re. 

• Tyro­ne White, ein im Rhein­land leben­der Indi­ge­ner, meint im glei­chen Inter­view, dass der Film die Geschich­te der indi­ge­nen Völ­ker Ame­ri­kas zu Unter­hal­tungs­zwe­cken tri­via­li­sie­re. 

• Und in einem ande­ren Inter­view mit Deutsch­land­funk Kul­tur fragt Eth­no­lo­ge Mar­kus Lind­ner, was denn Dreh­buch­au­to­ren hin­de­re, fik­tio­na­le Bücher oder Fil­me zu machen, bei denen sorg­fäl­tig recher­chiert wird.

• Die ZEIT merkt an, dass hier „in Deutsch­land aus­ge­dach­te Apa­chen“ in die heu­ti­ge Zeit holt, ohne zu beach­ten, wie sich das The­ma seit den letz­ten Fil­men in den 60er Jah­ren ver­än­dert habe: “Kuri­os und lieb­los” und “im Geis­te der Mini-Play­back-Show”. 

•  Selbst in der FAZ, in der nun nicht unbe­dingt ein pro­gres­si­ver Wind weht, mein Clau­di­us Seidl, das die Erzäh­lung “viel­leicht kein böser Ras­sis­mus” sei. Aber: “Es ist aber dumm, pro­vin­zi­ell, igno­rant und arro­gant gegen­über bei­den: der Geschich­te und Rea­li­tät der indi­ge­nen Ame­ri­ka­ner.” 

• Oder die Frank­fur­ter Rund­schau zer­reißt den Film in einer Kino­kri­tikUnd auch von Kino­be­su­chern kommt ein sehr geteil­tes Echo

• Und die Deut­sche Film- und Medi­en­be­wer­tung (FBW) hat­te den Film als “beson­ders wert­voll” ein­ge­stuft. Die Ent­schei­dung war aller­dings knapp und sehr umstrit­ten. Zwei von drei Jury-Mit­glie­dern bezeich­ne­ten den Film als “kit­schi­ges, rück­wärts­ge­wand­tes Thea­ter­stück”. Und die Vor­la­ge von Karl Mays sei “eine Lüge, wel­che den Geno­zid an den Urein­woh­nern Ame­ri­kas” aus­blen­de. Die voll­stän­di­ge Begrün­dung mit der zum Teil hef­ti­gen Kri­tik fin­det man auf der Sei­te der Film­be­wer­tung, sie ist aller­dings schwer zu fin­den. Man muss hier ganz run­ter scrol­len und dann auf den Rei­ter “Jury-Begrün­dung” kli­cken

Nach ihrer Mei­nung ist es in unse­rer Zeit nicht mehr zuläs­sig, einen Film und im Beson­de­ren einen Kin­der- und Jugend­film im Geist der mythisch auf­ge­la­de­nen und sehr kli­schee­haft dar­stel­len­den Karl May–„Folklore“ zu rea­li­sie­ren. So sei die­ser Film ein kit­schi­ges rück­wärts­ge­wand­tes Thea­ter­stück, das nichts mit der Rea­li­tät zu tun habe. Karl Mays lite­ra­ri­sche Idyl­le im Her­kunfts­land der indi­ge­nen Völ­ker Nord­ame­ri­kas sei, so die Aus­sa­ge der Jury-Mit­glie­der, eine Lüge, wel­che den Geno­zid an den Urein­woh­nern Ame­ri­kas und das ihnen zuge­füg­te Unrecht der Land­nah­me der wei­ßen Sied­ler und der Zer­stö­rung ihres natür­li­chen Lebens­rau­mes voll­kom­men aus­blen­den wür­de. Die im Film gewähl­te Aus­stat­tung, die Dar­stel­lung der indi­ge­nen Men­schen, die musi­ka­li­sche Unter­ma­lung und der Insze­nie­rungs­stil wür­den sich den ver­kitsch­ten Karl May–Filmen der 1960er Jah­re anpas­sen.

Und was sagen die Betrof­fe­nen?

Hier übri­gens eine Stim­me die­ser angeb­li­chen “radi­ka­len Min­der­heit” und der Agi­ta­to­ren, die der Mehr­heit in Deutsch­land vor­schrei­ben will, was sie lesen und anse­hen dür­fen.

@justmyindigenousthoughts Man kann nicht in 3 min packen was ich alles dazu sagek möch­te.. für wei­te­re mei­nun­gen über win­niet­ou folgt natives_in_germany auf !sta &Danke an alle die mir das video gezeigt haben und kom­men­ta­re unter der­ne vid­wo hin­ter­las­sen (haben) y’all got my heart 🫶🏽 #stitch #whites­avi­or­com­plex #indi­ge­nous­bad­die #indi­gen­ae­n­ale­ma­nia #feti­siza­ti­on #sto­pit­whiteppl #cul­tu­re­ap­pro­pria­ti­on#red­face#wtf#viral#fyp ♬ Ori­gi­nal­ton – laulii710

Die unfass­bar infa­me Ver­dre­hung der Tat­sa­chen in den Medi­en

Was mich teil­wei­se fas­sungs­los macht, mit wel­cher Unver­fro­ren­heit (oder boden­lo­ser Inkom­pe­tenz) Redak­tio­nen die Tat­sa­chen ins Gegen­teil dre­hen.

So schreibt zum Bei­spiel die Ber­li­ner Zei­tung;

In der Debat­te um das gecan­cel­te India­ner-Buch „Der jun­ge Häupt­ling Win­ne­tou“ reden wah­re India­ner jetzt Klar­text! Hin­ter­grund: Der Ver­lag Ravens­bur­ger nahm das Buch vor weni­gen Tagen aus dem Han­del, weil in den sozia­len Medi­en Ras­sis­mus­vor­wür­fe laut gewor­den waren. Die Kri­tik: kul­tu­rel­le Aneig­nung.

Doch Ange­hö­ri­ge der ver­meint­lich dis­kri­mi­nier­ten Min­der­heit hat der Ver­lag vor sei­ner Ent­schei­dung offen­bar nicht befragt. Denn die stö­ren sich am Win­ne­tou-Buch über­haupt nicht, ärgern sich über den Ravens­bur­ger-Rück­zie­her!

Das hat sie wie­der von der BILD Zei­tung abge­schrie­ben.  BILD hat­te bei india­ni­schen Dar­stel­lern im The­men­park „El Dora­do Temp­lin“ nach­ge­fragt. Einer davon: Kend­all Old Elk (51). Er zu BILD: „Ich glau­be, das ist eine Über­re­ak­ti­on. Dass der Ver­lag die Bücher vom Markt genom­men hat – war­um? Das ist etwas zu viel des Guten. War­um müs­sen wir jede Per­son mit einem Eti­kett ver­se­hen? Wir sind doch alles Men­schen.“

Der Punkt ist: Ja, das hat er gesagt. Nur hat er das im Rah­men eines viel län­ge­ren Inter­views gesagt, näm­lich im STERN. Und Kend­all Old Elk ist genau der­glei­che Mann, der direkt hier drü­ber im Vode vor­kommt. Und ja, er sagt, das Buch hät­te nicht gleich vom Markt genom­men wer­den müs­sen, aber inhalt­lich sagt er genau das Gegen­teil! 

Zitat: “Es wäre bes­ser gewe­sen, es sein zu las­sen. Das Werk steht in einer lan­gen Tra­di­ti­on an Stof­fen, die bes­ser nie publi­ziert wor­den wären.” Und er meint damit “den jun­gen Häu­pling Win­ne­tou”!

 

Lei­der ist der Arti­kel hin­ter der Bezahl­schran­ke. Des­we­gen kön­nen ande­re Jour­na­lis­ten auch nicht recher­chie­ren und schrei­ben nur von der BILD ab. Ich habe die 2 EUR invet­siert, um tat­säch­lich her­aus­zu­fin­den, was er sagt. Und das ist unter ande­rem:  

Was, wenn Ravens­bur­ger nicht ein­ge­knickt ist, son­dern ein­fach “gelernt” hat?

Dazu gab es auf dem Insta­gram-Kanal und zu der Ankün­di­gung von Ravens­bur­ger vom 11. August eini­ges kri­ti­sches Feed­back. Nach Aus­sa­ge von schwaebisch.de, die als Ers­te am 19. August berich­te­ten, waren es 180 Kom­men­ta­re. Auch das ist weit ent­fernt von einem “Shit­s­torm” – und das kam von Raven­bur­ger Fans. Unter ande­rem wur­de kri­ti­siert, dass in dem Film ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe wie­der­ge­ge­ben wür­den, die ihren Ursprung im Kolo­nia­lis­mus haben. Und das ist unbe­streit­bar. Immer­hin ist Win­ne­tou ja “ein Erleb­nis­be­richt aus der Zeit, als der wei­ße Mann den Weg für das Feu­er­ross durch die Jagd­grün­de des roten Man­nes bau­te.” (Zitat des offi­zi­el­len Film-Trai­lers zu Win­ne­tou 1 aus dem Jahr 1963) 

Was, wenn Ravens­bur­ger mit die­ser gan­zen Kri­tik das gemacht hat, was viel­leicht ver­nünf­tig ist, und sie ernst genom­men hat? Und genau das schrieb Ravens­bur­ger (sie­he oben im Insta­gram Post)

“Die Ent­schei­dung, die Titel zu ver­öf­fent­li­chen, wür­den wir heu­te nicht mehr so tref­fen. Wir haben zum dama­li­gen Zeit­punkt einen Feh­ler gemacht und wir kön­nen euch ver­si­chern: Wir ler­nen dar­aus!”

Und genau das war es dann am Ende wohl. Ravens­bur­ger hat sei­nen Kun­den zuge­hört und ande­ren im Markt und hat ein­ge­se­hen, dass es kei­ne gute Ent­schei­dung war. 

Und jetzt kommt der Punkt: Zuzu­hö­ren, zu ler­nen, und sei­ne Mei­nung zu ändern, ist kein Ein­kni­cken, das man mas­siv kri­ti­sie­ren muss. Im Grun­de ist das aner­ken­nens­wert. Aber für einen Groß­teil in Deutsch­land ist das abso­lut kei­ne Opti­on: “Nein, wir kapi­tu­lie­ren nicht!”

Und anstatt man Ravens­bur­ger dann beim Wort nimmt, unter­stel­len ihnen alle Selbst­zen­sur, Ein­kni­cken und klein bei­geben. Also ja, viel­leicht steckt mehr dahin­ter. Viel­leicht hat Ravens­bur­ger gelo­gen, und sie hat­ten wirk­lich Angst. Nur gibt es eben dafür kei­ner­lei Indiz.- Sie haben es ande­res gesagt, und ein Druck von außen ist nicht erkenn­bar. 

 

„Ras­sis­mus“ ist nur der Aus­lö­ser

Und noch zum Abschluss: Wir haben uns das The­ma nicht des­we­gen ange­schaut, weil wir den­ken, dass Karl May, sei­ne Bücher, die berühm­ten Fil­me aus den 60er-Jah­ren oder der aktu­el­le Film ein mas­si­ves Pro­blem dar­stel­len. Wer sich sach­lich mit den Wer­ken Karl Mays und den Fil­men aus­ein­an­der­setzt, wird ganz neu­tral fest­stel­len, dass sich der Vor­wurf von „Ras­sis­mus“ ganz sach­lich bele­gen lässt, dass das Gesamt­werk aus vie­len Per­spek­ti­ven pro­ble­ma­tisch ist. Und man wird fest­stel­len, dass die­se Kri­tik mit­nich­ten nur von „woken lin­ken Akti­vis­ten“ vor­ge­bracht wird, und „die alles ver­bie­ten wol­len“. Man könn­te sagen: Das Gegen­teil ist der Fall. 

Was man aller­dings dazu sagen muss: Der Begriff „Ras­sis­mus“ ist sehr emo­tio­nal besetzt und alles ande­re als klar defi­niert. Vie­le Men­schen ver­bin­den damit extre­me For­men wie Skla­ve­rei oder Juden­ver­fol­gung und füh­len sich in ihren Gefüh­len ver­letzt, wenn man ihnen Ras­sis­mus vor­wirft. Die­se extre­me Form des Ras­sis­mus trifft auf Karl May und sein Werk ein­deu­tig nicht zu. Aber die Wis­sen­schaft sub­su­miert unter Ras­sis­mus noch viel mehr, deut­lich „harm­lo­se­re“ Effek­te, wie zum Bei­spiel die Zuwei­sung von Ste­reo­ty­pen. Dabei geht es nicht um „poli­ti­cal cor­rect­ness“ oder dass man ja irgend­wie „die Gefüh­le von ande­ren ver­letzt“. Es geht dar­um, dass Men­schen das Recht haben sol­len, dass man ihnen unvor­ein­ge­nom­men ent­ge­gen­tritt und dass sie das Bild selbst bestim­men kön­nen, was man von ihnen hat. Auch das ist Frei­heit. Sol­che Form von Ras­sis­mus ist oft “gut gemeint”, viel­fach geschieht sie auch gar nicht bewusst, es gilt aber trotz­dem als Ras­sis­mus. 

Karl May hat ohne Zwei­fel das Bild, was Men­schen von den „Ame­ri­can Nati­ves“ haben, die wir India­ner nen­nen, mas­siv mit­ge­prägt. Und er hat ein Bild gezeich­net, was wir als „edel“ und „posi­tiv“ emp­fin­den, was den Vor­wurf von Ras­sis­mus absurd erschei­nen lässt: Dass Kin­der so ger­ne India­ner spie­len, ist ohne Fra­ge Karl May zu ver­dan­ken. Aller­dings könn­te das Bild, das Karl May und sei­ne Wer­ke ver­mit­teln, nicht wei­ter von der Wirk­lich­keit ent­fernt sein. Nicht im Gro­ßen, weil die ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner nicht zuvor­derst ein „edles Volk“ sind, son­dern ein Volk, die Opfer eines Angriffs­krie­ges waren, und an denen ein Geno­zid ver­übt wur­de, der in der Aus­wir­kung mit den Gräu­el­ta­ten des Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­gleich­bar ist: mit jeweils sechs Mil­lio­nen toten Juden und sechs Mil­lio­nen toten Indi­ge­nen. Und nicht im Klei­nen, weil nur die India­ner im Film stän­dig „“How“ und „Hugh“ sagen, weil „Squaw“ eigent­lich die Bedeu­tung von „Hure“ hat,  Indi­ge­ne kei­ne “rote Haut” haben, nicht im Krieg „heu­len“ und durch­aus auch Schmerz ken­nen und so gar nichts mit der roman­ti­schen Folk­lo­re zu haben, die in den Wer­ken ver­mit­telt. So wie Deut­sche nicht alle Leder­ho­sen und Pickel­hau­be tra­gen und den gan­zen Tag nur Bier trin­ken und Schweins­ha­xe essen. 

Und lei­der muss man auch sagen, dass nicht alle in der Lage sind, das Fik­ti­ve der Erzäh­lun­gen klar zu erken­nen. Zwei­fels­oh­ne trans­por­tiert „Win­ne­tou“ sehr vie­le, sehr posi­ti­ve Wer­te: Es geht bei Win­ne­tou um Freund­schaft, um Über­win­dung von Gren­zen, um Völ­ker­ver­stän­di­gung und um Frie­den. Nur ist das auch ein­ge­bun­den in kit­schi­ge, roman­ti­sche Folk­lo­re, die Heroi­sie­rung des Kolo­nia­lis­mus, die Ste­reo­ty­pi­sie­run­gen von „India­nern“ und vie­lem mehr. 

Das muss man im Kon­text der Zeit sehen, und man muss weder Karl May noch das Werk des­we­gen ver­dam­men, geschwei­ge denn ver­bie­ten. Aber es lohnt sich doch, das etwas dif­fe­ren­zier­ter zu sehen. Auch und gera­de des­we­gen, weil es nicht um Oger, Na’vi, spre­chen­de Bie­nen, Rit­ter, Prin­zes­sin­nen, Orks oder Hob­bits geht, die alle fik­ti­ve Gestal­ten sind. Die Geschich­ten von Karl May han­deln von Men­schen, die es tat­säch­lich gibt, und die Geschich­ten von Karl May wir­ken so echt, dass die Gren­zen von Fik­ti­on und Erleb­nis­be­richt ver­schwim­men. 

Die Debat­te wäre eine gute Gele­gen­heit gewe­sen, dass jeder in Deutsch­land sei­nen eige­nen Ras­sis­mus reflek­tiert und in Zukunft viel­leicht etwas bewuss­ter umgeht. Und man hät­te über­le­gen kön­nen, wie man das auch Kin­dern gegen­über the­ma­ti­siert. Das Geschrei wegen angeb­li­cher Ver­bo­te oder Ein­schrän­kun­gen ist blan­ker Unsinn. Er ver­hin­dert ein­fach nur eine ent­spann­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma. 

Aber es soll nicht uner­wähnt blei­ben, dass es auch viel sach­li­che Dis­kus­sio­nen gibt, dass es auch vie­le guten Jour­na­lis­ten gibt, und dass sich auch vie­le um eine kon­struk­ti­ve Dis­kus­si­on bemüht haben. Die gehen in dem unglaub­li­chen Geschrei aber unter. 

Das Ent­schei­den­de ist aber: Die Art und Wei­se, wie „Deutsch­land“ die­se Debat­te führt, führt nur zur wei­te­ren Pola­ri­sie­rung und Emo­tio­na­li­sie­rung. Sie ist nicht, aber auch gar nicht geeig­net, das zugrun­de­lie­gen­de Pro­blem zu lösen.

Wir dür­fen uns nicht einer radi­ka­len Mehr­heit unter­wer­fen!

Genau betrach­tet gibt es aber noch eine ande­re Les­art als das “Medi­en­ver­sa­gen”. Denn was hier statt­ge­fun­den hat, ist ein sehr lau­ter, sehr gewalt­tä­ti­ger und ein sehr bedenk­li­cher Auf­schrei einer radi­ka­len Mehr­heit. 

Wir leben in einem frei­en Land. Und wir leben in einem Land, in dem Min­der­hei­ten, die lan­ge dis­kri­mi­niert wur­den, immer mehr Rech­te für sich bean­spru­chen. Und die grei­fen natür­lich, (ur-)alte Pri­vi­le­gi­en an. Hier scheint es vie­le Men­schen zu geben, die die­se Pri­vi­le­gi­en mit allen Mit­teln ver­tei­di­gen wol­len. Und man kann wirk­lich sagen, “mit allen Mit­teln”. Denn sie schre­cken vor fast nichts zurück: Denn es ist ja nicht nur ein erfun­de­ner Shit­s­torm. Da wird ver­dreht, über­trie­ben und ver­zerrt, fast bis zur Lüge. Da wird getrotzt, gestampft, geschrien und gemotzt. Da wird belei­digt, gehetzt, dif­fa­miert und ver­un­glimpft. Und dabei ver­lie­ren die Kri­ti­ker jedes Maß, bis hin zum Nazi- und einem Tota­li­ta­ris­mus-Ver­gleich (Bücher­ver­bren­nung oder Geor­ge Orwell). Die Mit­tel und Metho­den erin­nern sehr an die von Donald Trump. 

Bei Licht betrach­tet war es wohl nur eine freie Ent­schei­dung von Ravens­bur­ger, ein inzwi­schen als schlecht erkann­tes Buch nicht ver­le­gen zu wol­len. Eine freie Ent­schei­dung. Es pas­siert jeden Tag tau­send­fach, dass ein Ver­lag ent­schei­det, ein Buch nicht auf den Markt zu brin­gen. Es gibt in Deutsch­land kei­nen Zwang, etwas auf den Markt zu brin­gen, nur weil es irgend­je­mand will. Und es steht jedem ande­ren (Ver­lag) frei, das Buch zu ver­öf­fent­li­chen. Und ganz sicher ist die Demo­kra­tie nicht dadurch gefähr­det, dass nicht noch ein Buch auf den Markt kommt. Es gibt schon drölf­zig­hun­dert­mil­lio­nen Bücher. Noch dazu, wo es sich um folk­lo­ris­ti­sche Tri­vi­al­li­ter­tur han­del. 

Und natür­lich darf jeder in einem frei­en Land sein Bedau­ern zum Aus­druck brin­gen. Nur wie gesagt: Dabei ist es nicht geblie­ben. Die Dis­kus­si­on hat sich zu einem Gebäu­de aus Ver­dre­hun­gen, Ver­zer­run­gen und Lügen ent­wi­ckelt. Getrie­ben von rech­ten Popu­lis­ten, skru­pel­lo­sen Jour­na­lis­ten und ewig Gest­ri­gen. Und ganz vie­le haben sich dafür instru­men­ta­li­sie­ren las­sen. 

Und das scheint mehr zu sein als ein Ein­zel­fall. Genau die glei­che Mecha­nik wird zum Bei­spiel auch beim The­ma Gen­dern ange­wen­det. Oder beim Kli­ma­wan­del. Oder beim Imp­fen. Man muss sich ja beim Gen­dern nur mal vor Augen füh­ren: Hier wird ja allen Erns­tes ein Gen­der-Ver­bot dis­ku­tiert, um einen nicht exis­tie­ren­den Gen­der-Zwang zu ver­hin­dern. Was bei Win­ne­tou nur noch gefehlt hät­te, wäre die For­de­rung gewe­sen, Ravens­bur­ger zu zwin­gen, das Buch auf den Markt zu brin­gen. 

Wir haben in Deutsch­land aktu­ell gefähr­li­che Ten­den­zen, Viel­falt und Frei­heit zu unter­drü­cken. Und das geschieht durch eine brei­te Dif­fa­mie­rung von allem, was pro­gres­siv, links, woke oder sonst­wie ver­däch­tigt wäre, den Sta­tus-Quo anzu­grei­fen. 

Der Autor

Mir­ko Lan­ge (Grün­der Scom­pler)

Mir­ko Lan­ge ist seit 27 Jah­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Bera­ter und seit 2001 Dozent an meh­re­ren Hoch­schu­len. Er hat­te ab 1999 eine der ers­ten Bera­tungs­un­ter­neh­men für Online-PR in Deutsch­land und hat­te sich ab dem Jahr 2008 einen Namen als ers­ter Spe­zia­list für Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on im Social Web gemacht. Hier hat er in den Jah­ren 2010 ff. unter ande­rem die Deut­sche Bahn („Face­book-Ticket“) und Nest­lé („Kit­kat“) in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on bera­ten, über wel­che die ers­ten „Shit­s­torms“ in Deutsch­land hin­weg­zo­gen. In der Fol­ge hat zum Bei­spiel die Deut­sche Bahn ihre kom­plet­te Kom­mu­ni­ka­ti­on auf das Social Web aus­ge­rich­tet, die­sen Pro­zess hat Lan­ge beglei­tet. Aus die­sem Pro­jekt ent­stand die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­nage­ment-Soft­ware Scom­pler. Scom­pler hat inzwi­schen mehr als 300 Kun­den, unter ihnen 6 DAX-Unter­neh­men.

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